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Über das Nutzerverhalten von Jugendlichen zur Jobsuche im Social Web

11. Oktober 2010

[hk] Vor gar nicht allzu langer Zeit erschien ein sehr interessanter Artikel im Spiegel, der sich mit dem Nutzerverhalten von Jugendlichen im Social Web beschäftigte. “Generation Null Blog” griff dabei verschiedene Studien, unter anderem von Prof. Dr. Rolf Schulmeister und vom Hans-Bredow-Institut auf, die sich zum einen mit dem Phänomen der oftmals so genannten “Generation Y” oder “Net Generation”, zum anderen mit dem Nutzerverhalten dieser als solche Generation postulierten Zielgruppe beschäftigen. Eine aktuelle Untersuchung vom Forrester Institute zeigt einmal mehr, dass zwar die Anzahl der Social Web-Konsumenten steigt, die Anzahl der Produzenten aber im Grunde gleich bleibt. Auch die Anzahl derjenigen, die private Social Networks zur Jobsuche aktiv nutzen, ist marginal. Dies bestätigt neben unserer Studie aktuell nun auch eine Studie von Personalwirtschaft, talential und der Wiesbaden Business School zu Employer Branding in Social Networks.
Wie aber steht es um die Nutzung von Social Media durch die Zielgruppe junger Erwachsener? Warum werden Social Networks nur sehr verhalten zur Jobsuche eingesetzt? Welche Gründe gibt es, dass junge Erwachsene Bedenken hinsichtlich ihrer Privatsphäre haben und wie kann es gelingen, diese Zielgruppen entsprechend “aufzuklären”? Diese Fragen habe ich mit einem der Initiatoren der Studie zu Nutzerverhalten im Social Web, Jan Schmidt, in einem Interview erörtert. Jan Schmidt ist Wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut und Projektmitarbeiter und Mitautor der Studie “Heranwachsen mit dem Social Web – Zur Rolle von Web 2.0-Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen”. Derzeit beschäftigt sich Schmidt unter anderem mit dem Projekt “Privatsphäre und Web 2.0.”

kienbaum-communications: Was glauben Sie, sind die Gründe für die doch recht verhaltene Nutzung von privaten Sozialen Netzwerken für die Jobsuche bzw. den Kontakt mit potenziellen Arbeitgebern?
Jan Schmidt: Ich vermute, dass den meisten Nutzern die Trennung von Berufs- und Privatleben nach wie vor wichtig ist. Netzwerkplattformen, auf denen man den Kontakt zu seinen Freunden und Bekannten hält, werden eben eher als privat-persönlicher Raum  wahrgenommen, in denen andere Themen und Facetten des Selbst im Vordergrund stehen, als in der beruflichen Rolle.
kienbaum-communications:
Ein wesentliches Ergebnis unserer Studie ist, dass private Soziale Netzwerke deshalb nicht zur Jobsuche genutzt werden, weil befürchtet wird, dass potenzielle Arbeitgeber Einblicke ins Privatprofil des jeweiligen Users bekommen. Hier liegt ja ganz klar ein Aufklärungsdefizit vor. Wie kann man Ihrer Meinung nach hier für eine verbesserte Aufklärung hinsichtlich Privatsphäre sorgen? Wer ist da gefordert? Die Schulen? Eltern? Gar das Bildungsministerium? Bringt in diesem Zusammenhang eine Einführung des Internet-Führerscheins die erhoffte Aufklärung?
Jan Schmidt:
Die Befürchtung ist ja insofern nicht ganz unberechtigt, als entsprechende Meldungen bzw. die Warnungen vor den „Personalchefs auf Facebook“ in letzter Zeit deutlich zugenommen haben. Aufklärungspotenzial besteht in der Tat, um die technischen Möglichkeiten zur Regulierung von Privatsphäre auf den unterschiedlichen Plattformen besser bekannt zu machen und zu verdeutlichen, welche Konsequenzen welche „privacy settings“ dann auch faktisch haben. Da sind zunächst insbesondere die Plattformanbieter gefragt, ihre Mechanismen auch entsprechend transparent zu machen; in Bezug auf Jugendliche kommt Schulen und Eltern eine besondere Rolle zu, weil das generelle Thema „Informationelle Selbstbestimmung in der digitalen Welt“ deutlich intensiver behandelt werden müsste – übrigens nicht über die Köpfe der Jugendlichen hinweg im Stil von Belehrungen, sondern im Dialog.
kienbaum-communications:
Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für den sorglosen Umgang mit der Privatsphäre im Social Web?
Jan Schmidt:
Auf jeden Fall liegt es nicht daran, dass Menschen der Privatsphäre keinen Wert mehr beimessen, zahlreiche Studien zeigen das Gegenteil. Interessant ist aber das „privacy paradox“: Der eigenen Privatsphäre wird ein hoher Wert beigemessen, gleichzeitig gibt man im tatsächlichen Verhalten an sehr vielen Stellen (bewusst oder unbewusst) persönliche Daten von sich preis.
Eine Erklärung hierfür ist meines Erachtens darin zu suchen, dass der spezifische Typ von Öffentlichkeit, der im Social Web entsteht, so neu ist, dass wir erst lernen, seine Konsequenzen einzuschätzen und entsprechende Routinen zu entwickeln. Die „Persönliche Öffentlichkeit“, so meine Bezeichnung dafür, zeichnet sich gerade dadurch aus, dass Menschen Informationen von persönlicher Relevanz mit dem eigenen sozialen Netzwerk teilen wollen – das intendierte Publikum sind die eigenen Facebook-Kontakte, und das sind Bekannte, Freunde, etc.. Für diese Menschen „präsentiert“ man sich, allerdings unter technischen Bedingungen, die es erschweren oder gar nahezu unmöglich machen, das tatsächliche bzw. das potentielle Publikum abzuschätzen. Durch die Persistenz, Durchsuchbarkeit und Aggregierbarkeit von Daten können ja bestimmte Informationen heute oder auch in zwei Jahren einen Personenkreis erreichen, den ich gerade nicht adressiert habe. Diese Intransparenz bzw. die unklaren Grenzen zwischen intendiertem und potenziellem Publikum bedingen, dass auch die Grenzen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit verschwimmen.
kienbaum-communications:
Oftmals wird die Nutzung von privaten Sozialen Netzwerken in den Medien negativ aufbereitet, z. B. als Karrierekiller Internet – welche Auswirkung hat das Ihrer Meinung nach auf die jungen Menschen?
Jan Schmidt:
Das kann ich nicht eingehend beurteilen; wir haben in unserer Studie aber Hinweise gefunden, dass zumindest ein Teil der Jugend entsprechende öffentliche Diskussionen wahrnimmt und das eigene Verhalten entsprechend anpasst, also z.B. darauf verzichtet, allzu freizügig Informationen auf dem eigenen Profil zu veröffentlichen.

 

Die so genannte "Generation Y" - überfordert? Quelle: www.allanjosephbatac.com/blog/

 

kienbaum-communications: Kann es evtl. auch daran liegen, dass junge Menschen im Umgang mit dem Internet und im Speziellen mit dem Social Web “überfordert” sind? Oder was ist der Grund, dass die vielfältigen Potenziale des Social Web nicht ausgeschöpft werden (Gerade der Handlungstyp 5, der den Umgang mit dem Social Web eher kritisch-selektiv nutzt, scheint sehr selten vertreten)?
Jan Schmidt:
Ich sehe zunächst einmal gar keine Notwendigkeit, dass jeder Nutzer die Potenziale des Social Web auch ausschöpfen muss – letztlich sind die entsprechenden Anwendungen Werkzeuge zur Erfüllung kommunikativer Zwecke, aber kein Selbstzweck. Hinzu kommt dann aber auch, dass für viele junge Nutzer sind Anwendungen wie Facebook, Wikipedia oder YouTube alltäglich vertraut sind, ohne dass deswegen aber gleich auch ein vertieftes Wissen über die Funktionsweise und die möglichen Konsequenzen der Nutzung vorhanden ist. Auch hier sind letztlich wieder medienerzieherische Maßnahmen gefragt, die nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen vermitteln.
kienbaum-communications:
Welche Bedeutung wird Ihrer Meinung nach in Zukunft die Nutzung des Social Webs für soziale Beziehungen einnehmen und wie wird sich das ggf. auf die Nutzung von privaten Sozialen Netzwerken für die Jobsuche auswirken? In Bezug auf Ihre Aussage, dass das Beziehungsmanagement im Social Web den Charakter einer Schlüsselqualifikation gewinnt – welche Perspektiven sehen Sie da im Bezug auf die Nutzung von privaten Sozialen Netzwerken für die Jobsuche bzw. die Kontaktaufnahme mit dem (potenziellen) Arbeitgeber?
Jan Schmidt:
Das onlinebasierte Networking wird in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen, auch weil es eine Antwort auf langfristige gesellschaftliche Entwicklungen ist. Westliche Gesellschaften befinden sich seit einigen Jahrzehnten schon im Übergang von umfassenderen sozialen Formationen – Stichwort: Arbeitermilieu oder katholisches Milieu – zu eher lockeren, auch räumliche Distanzen überbrückenden Formen der sozialen Organisation, die man als „vernetzte Individualität“ zusammenfassen könnte. In solchen Gesellschaften erlaubt es das Internet besser als andere Medien der interpersonalen Kommunikation, den Kontakt zu Menschen aufrecht zu erhalten und soziale Beziehungen zu pflegen. Gleichzeitig treibt es dadurch diesen gesellschaftlichen Strukturwandel voran.
Unter solchen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist Beziehungsmanagement tatsächlich eine Schlüsselkompetenz, nicht nur im beruflichen Bereich. Schon in den 1970er-Jahren habe soziologische Studien gezeigt, welchen Wert soziale Beziehungen – insbesonde zu eher entfernten Bekannten, ehemaligen Kollegen etc. – für die Karrierewege haben, weil über diese „weak ties“ Informationen über Jobmöglichkeiten zu einem kommen können. Netzwerkplattformen machen es deutlich leichter, solche weak ties zu pflegen, werden mithin auch für solche Aspekte der Jobsuche relevant. Gleichzeitig machen sie, wie einleitend geschildert, die Grenzen zwischen Privat- und Arbeitsleben unter Umständen durchlässig, und das ist nicht von allen Nutzern gewünscht. Auch in Zukunft wird daher auf Plattformen, die nicht dezidiert für das Business Networking gedacht sind, das berufliches Vernetzen nicht die Regel sein.
kienbaum-communications:
Die Durchführung Ihrer Studie zum Nutzerverhalten von jungen Menschen im Social Web liegt ja nun schon einige Zeit zurück. Die Relevanz der VZ-Netzwerke geht zu Gunsten von Facebook stetig zurück und Facebook wird von mehr und mehr Unternehmen als Plattform für Arbeitgeber-Präsenzen (sog. Karriere-Fanpages) entdeckt. Facebook spielte in dem Kontext Ihrer Untersuchungen ja noch keine so entscheidende Rolle. Gibt es neue Untersuchungen, die sich mehr dem Thema Facebook nähern?
Jan Schmidt:
Mir sind keine Studien bekannt, die explizit das Thema „Facebook und Job/Karriere“ untersuchen, das soll aber nicht heißen, dass es sie nicht gibt…
kienbaum-communications: Herr Schmidt, vielen Dank für das interessante Interview! Wir werden beobachten, wie sich die Dinge entwickeln. Ich denke, es sollte unser aller Aufgabe sein, die junge Zielgruppe für den Umgang mit der Privatsphäre in privaten sozialen Netzwerken zu sensibilisieren und auch für die Nutzung von Facebook & Co. als weitere Möglichkeit, Kontakt zum Wunscharbeitgeber aufzunehmen, aufzuschließen.

Wer die Ergebnisse der Studie zum Nutzerverhalten von Jugendlichen im Web 2.0 noch nicht kennt, hier eine Zusammenfassung:

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